Allgemein
6. Februar 2020
Deutschland 4.0 – Spannendes Interview mit Prof. Dr. Kollmann
Deutschland 4.0 – Spannendes Interview mit Prof. Dr. Kollmann

J. Dölle (bpc Berater): Herr Kollmann, es freut mich, dass Sie da sind.

Prof. Dr. Kollmann: Vielen Dank, ich freue mich auch.

J. Dölle (bpc Berater): Ja, Herr Prof. Dr. Kollmann, wir haben soeben einerseits von Ihnen einen Vortrag gehört und andererseits sind Sie durch Ihr Buch, Ihre diversen Vorträgen sowie Ihre Präsenz in diversen Medien bekannt. Wie sieht für Sie die Digitalisierung bzw. wie sieht Deutschland 4.0 für Sie aus? Und was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Faktoren für Deutschland 4.0?

Prof. Dr. Kollmann: Ich glaube zunächst einmal muss man feststellen, dass das Thema Digitalisierung das beherrschende Thema schlechthin ist – und zwar in allen Bereichen: Wirtschaft, Gesellschaft und natürlich auch beim allem, was mit Behörden, Politik usw. zu tun hat. Und ich glaube, dass wir vor riesigen Herausforderungen stehen, welchen wir uns stellen müssen und dass dies in allen Bereichen zu Veränderungen führen wird. Jedoch müssen wir diesen Veränderungen offen gegenüberstehen. Für ein Deutschland 4.0 würde ich mir wünschen, dass wir auf der einen Seite die Chancen und Möglichkeiten rund um Digitalisierung für sämtliche Bereiche erkennen, aber auf der anderen Seite auch die möglichen Gefahren und Nachteilen bewerten und einbeziehen. Dennoch sollten wir es positiv angehen und versuchen den meisten Nutzen aus der Digitalisierung zu generieren. Und dies spielt sich weniger stark in einem technischen System ab. Es geht nicht darum einen Knopf in irgendeinem EDV-System zu drücken, sondern eigentlich müssen wir den Knopf oben bei uns im Kopf betätigen, um mit einer positiven Einstellung den Chancen gegenüber zu stehen.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

J. Dölle (bpc Berater): Sie sprechen es an, ich glaube das ist etwas, was besonders im öffentlichen Sektor sehr präsent ist. Zuerst werden die Gefahren, die Sorgen und mögliche Probleme gesehen und dementsprechend wird gehandelt. Im Zweifel wird erst einmal abgewartet und erst dann reagiert. Was glauben Sie, was wären notwendige Schritte, wenn wir daran denken, dass wir eine Vision von Deutschland 4.0 haben? Wenn Sie sagen, es ist der Knopf im Kopf: Was muss passieren, damit dieser Knopf überhaupt gedrückt wird?

Prof. Dr. Kollmann: Es ist festzuhalten: Mit Reaktion hat man im Digitalen noch nie etwas gewonnen. Es geht immer um Aktion. Es geht um die aktive Inanspruchnahme der Möglichkeiten der Digitalisierung für das jeweilige Themenfeld. Natürlich sind wir beim Thema Behörden oder E-Government in einer absoluten Notwendigkeit etwas zu tun. Wir können die Thematik nicht unterteilen zwischen den Ansprüchen seitens der Nachfrager als Bürger und seitens der Unternehmen als Partner im Rahmen von wirtschaftlichen Aktivitäten, Anmeldungen, Ummeldungen. Wir erkennen, dass Behörden bei der Digitalisierung ein Partner sein müssen. Dementsprechend müssen die Systeme so gestaltet werden, dass die Anforderungen im Rahmen von Einfachheit, Bequemlichkeit, Schnelligkeit und Bürokratieabbau erfüllt werden. Und das ist etwas, was ich zunächst als Erwartungshaltung an mich selbst und auch im Rahmen der handelnden Akteure formulieren muss. Dies passiert im Kopf. Wenn ich die Behörde Nummer 1 im digitalen Bereich werden will, dann wird das Ziel erst im Kopf entschieden. Erst danach muss es in konkretes Handeln umgesetzt werden. Deshalb kann der erste Schritt nur ein Umdenken im Kopf der handelnden Akteure sein.

J. Dölle (bpc Berater): Die handelnden Akteure in Deutschland sind natürlich noch nicht da, wo die Vision der digitalen Verwaltung steht. Würden Sie vielleicht sogar überspitzt sagen: „Deutschland hat da etwas verschlafen“? Oder würden Sie eher sagen: „Wir stehen noch am Anfang der Entwicklung, das können wir noch ohne Probleme wieder aufholen?“.

Prof. Dr. Kollmann: Ich glaube tatsächlich, dass wir was verschlafen haben und das kann in allen Statistiken abgelesen werden. Betrachtet man eine aktuelle Statistik der Europäischen Union im Hinblick auf E-Government, dann ist Deutschland gerade knapp über dem EU-Durchschnitt. Meiner Meinung nach haben wir hier massiven Aufholbedarf. Bislang haben wir keine dringende Notwendigkeit erkannt, um in dem Bereich stärker zu werden, da es immer „irgendwie lief“. Außerdem sind wir sehr stark in alten EDV- und IT-Systemen gefangen, sodass ein schneller Neuaufbau wie bei den führenden EU-Staaten so nicht möglich war. Hinzu kommt, dass der Bedarf an digitalen Serviceleistungen für Bürger und Unternehmen als unzureichend eingestuft wurde, um überhaupt erst neue Rahmenbedingungen in Richtung digitales Deutschland und Deutschland 4.0 zu schaffen.

J. Dölle (bpc Berater): Sie sprechen es an – Rahmenbedingungen schaffen. Sie haben schon genannt, was eigentlich alles passieren muss. Der Schalter im Kopf muss umgelegt werden und auf der Basis kann anfangen werden zu handeln. Sind nicht die Rahmenbedingungen eigentlich das, was zuerst geschaffen werden muss, damit Behörden überhaupt in der rechtlichen Lage sind, einen solchen Wandel zu gestalten?

Prof. Dr. Kollmann: Ja, aber man darf sich nicht hinter den Rahmenbedingungen verstecken. Ich glaube, wenn man etwas wirklich will, dann gibt es einen entsprechenden Weg. Dies sehen wir stellenweise, wo der Gesetzgeber für entsprechende digitale Möglichkeiten in der Verwaltung einen Weg frei gemacht hat. Das Thema E-Government haben sich Bundesregierung und einige Landesregierungen auf die Fahne geschrieben, jedoch geht die Umsetzung nicht immer so schnell wie man sich das wünscht oder vorstellt. Unter anderem müssen die Anforderungen an IT-Sicherheit  beachtet werden, da es um Daten geht, die nicht in falsche Hände geraten dürfen. Erst kürzlich hatten wir den Fall, wo sensible Patientendaten frei im Internet zugänglich waren. Für die Betroffenen war das sicherlich nicht besonders spaßig. Deswegen gilt es den Datenschutz in den Bereichen wie E-Government, E-Health und den öffentlichen Sektor insgesamt sicherzustellen. Wenn wir jedoch eine echte digitale Evolution erreichen wollen, müssen wir – und dafür plädiere ich – auch ein paar alte Zöpfe abschneiden, weil wir nicht mit dem Bestehenden weitermachen können. Da reicht es nicht, dass Wunschkennzeichen online aussuchen zu dürfen, nur um dann den entsprechenden Reservierungszettel auszudrucken und mit diesem zur Anmeldestelle zu gehen. Das ist zwar nett, aber nicht das was eine digitale Evolution ausmacht. Und selbst diesen Prozess haben wir bisher in vielen Städten und Gemeinden so nicht hinbekommen.

J. Dölle (bpc Berater): Ja, ich glaube der digitale Wandel ist in der Tat ein sehr zentrales Thema. Ihr Beispiel drückt in gewisser Weise das generelle Missverstehen von Digitalisierung aus. Wir haben im Moment viel mit Buzzwords rund um Blockchain, Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Internet of Things zu tun und da hat eigentlich das Ausdrucken auf Papier keinen Platz mehr. Wie könnten Ihrer Meinung nach im Öffentlichen Sektor 2.0 konkrete Schritte aussehen, um Technologien so zu nutzen, sodass der Bürger einen tatsächlichen Mehrwert davon hat?

Prof. Dr. Kollmann: Die einfachste Antwort ist: Medienbrüche vermeiden! Wenn der Nutzer  für den Abschluss des Verfahrens von online wieder auf offline muss, dann ist das sicherlich nicht zufriedenstellend und nicht das, was sich der Nutzer vorstellt. Aber es geht auch noch einen Schritt weiter. Wir müssen uns klar machen, welche Serviceleistungen Bürger und Unternehmen benötigen und wie wir diese digital umsetzen können. Beispielsweise wissen wir, dass es in Deutschland Wochen dauert, um eine GmbH anzumelden und zu gründen – in anderen Ländern dauert dieser Prozess nur Stunden. Außerdem muss nicht direkt das „Perfekte“-System eingeführt werden. Wenn ein Zwischenschritt formuliert und mit entsprechenden Systeme umgesetzt wird, wäre das bereits ein Fortschritt. Diese Kunden- bzw. Bürgerorientierung, insbesondere beim Thema Digitalisierung, würde einigen Behörde gut zu Gesicht stehen. Aber dies geht nur mit dem vorhin besprochenen Mentalitätswandel: Nicht: „Ihr müsst zu mir kommen!“, sondern „Ich komme mit der Digitalisierung zu Euch!“. Dann werden auch Plattformen zur Datenanalyse entstehen, um die nächsten Bedürfnisse der Bürger und Unternehmen antizipieren zu können. So könnte proaktiv das inhaltsmäßig passende Digitale Dokument offeriert werden, wo mit einem einfachen Knopfdruck „Ja“ oder „Nein“ ausgewählt werden kann und so der realen Behördengang abgelöst wird.

J. Dölle (bpc Berater): Nehmen wir an, eine Verwaltung hat tatsächlichen diesen Schalter im Kopf umgelegt und sagt: „Jawohl, wir möchten das jetzt machen!“. Dies ist ein kompletter Bruch mit der gesamten bisherigen Infrastruktur –  eine komplette Transformation. Welche Hindernisse sehen Sie noch auf dem Weg dahin, um wirklich in ein solches Szenario zu kommen? Welche Stolpersteine müssten zuerst aus dem Weg geschafft werden und welche müssen vielleicht erst im laufenden Prozess beseitigt werden?

Prof. Dr. Kollmann: Ich denke, das Hauptproblem ist immer: „Können wir nicht, dürfen wir nicht, brauchen wir nicht!“. Wird sich beim Projektanfang überwiegend mit den Dingen beschäftigt, warum es nicht funktionieren wird, dann ist das Projekt schon verloren. Besser wäre es, wenn z.B. gesagt wird: „Wir nehmen unsere konkreten Prozesse und diese werden jetzt digitalisiert. Was müssen wir haben, damit das erreicht wird?“. Das ist eine vollkommen andere Herangehensweise mit Blick auf die gegebenen Rahmenbedingungen. Wenn diese Rahmenbedingungen tatsächlich eine harte Schranke sind bzw. ein Hindernis darstellen, dann müsste zusammen mit dem Gesetzgeber über neue Rahmenbedingungen gesprochen werden, sodass die Dinge umgesetzt werden können. Das hört sich so einfach an und für viele ist es vielleicht auch nur so dahingesagt, aber letzten Endes ist es eine Einstellungssache, tatsächlich etwas zu wollen, zu können und dann auch zu machen. Der Weg zur digitalen Transformation wird durch diese drei Säulen bestimmt. Man muss mit den richtigen Ideen und Prozessen anfangen und auch kleinere Ziele erreichen. Die erlernten Erkenntnisse werden weiter angestoßen und Verbesserungen des Prozesses treten ein. Sich also mit kleinen Schritten entwickeln und Lerneffekte erzielen, die weitere Umsetzungen anstoßen. Ganz anders, als ein 10-Jahres-Projekt, in dem von Anfang an alles an IT erschlagen wird.

J. Dölle (bpc Berater): Wie Sie bereits sagen, auch wenn man mit den einfachen Prozessen startet und sich den großen Ganzen annähert, kommen dennoch irgendwann regulatorische Schranken, gerade im Öffentlichen Sektor. Wie kann die Politik überzeugt werden, dass gewisse Regularien, bedingt durch die schnell drehende Welt, überholt sind. Vielleicht indem man gewisse Prozesse prototypisch umsetzt, sodass man sie zwar nicht produktiv nutzt, aber gegebenenfalls dem Gesetzgeber unter die Nase halten kann? Oder wie können neue Ansätze in die Politik gebracht werden? Denn ich denke, dass politische Entscheider die möglichen Potenziale gar nicht erkennen, wenn nur die nötigen Rahmenbedingungen vorhanden wären.

Prof. Dr. Kollmann: Viele Politiker sind mit dieser digitalen Technologie nicht groß geworden. Das bedeutet, es fehlt ihnen das konkrete Wissen und die Selbstverständlichkeit über Digitalisierung, sodass die Politik durchaus von Externen angedockt werden muss. Dazu muss sich der politische Apparat aber öffnen und die digitalen Outträge auch reinlassen, unabhängig von einem Parteibuch. Es gibt durchaus den einen oder anderen politischen Kopf, der das erkannt hat und etwas anstoßen und umsetzen will. Wir haben heute gehört, dass zukünftig der gelbe Krankenschein nicht mehr ausgedruckt und zum Unternehmen geschickt werden muss. Der Prozess wird digital über entsprechende Systeme von den Krankenkassen zu den Arbeitgebern hin abgewickelt. Vielleicht ist das am Ende nur eine Insellösung und wird nicht mit dem großen Ganzen verknüpft, aber es ist ein erster Schritt. Und dieses schrittweise Vorgehen ist meiner Meinung nach der richtige Weg, um Dinge umzusetzen und den Fortschritt einzuleiten.

J. Dölle (bpc Berater): Am Beispiel des Krankenscheins finde ich spannend, dass dieser Prozess alle Akteure einbindet. Das ist eine Art Business-to-Business Szenario zwischen Arbeitgeber und Krankenkasse. Gleichzeitig ist auch meine Zielgruppe oder eine Art Individualperson in den Prozess integriert. Das heißt, ich habe einen Arbeitnehmer, welcher in anderen Prozessen eine Art Bürger, Studierender, ein Klient sein könnte. Es besteht immer eine elektronische Wechselwirkung zwischen diesen Akteuren. Es gibt sehr viele Personen, die daraus Chancen und letztendlich Gewinne generieren. Dennoch macht das Thema Digitalisierung immer noch sehr vielen Leuten Angst. Häufig geht es um die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren oder um die Angst, dass kein Mensch sondern eine Maschine die Entscheidungen trifft. Was würden Sie den Menschen sagen, die beim Thema Digitalisierung als erstes mit dem Reflex der Angst reagieren? Sollte hier vielleicht auch eine andere Art der Herangehensweise stattfinden?

Prof. Dr. Kollmann: Ich kann die Ängste durchaus nachvollziehen und Studien seitens des BMBF haben zeigen, dass 80% aller Arbeitnehmer vor dem Thema Digitalisierung Angst haben, weil sie die Auswirkungen nicht einschätzen können. Im Zusammenhang der Angst werden immer wieder digitale Fehler wie z.B. Datenklau ins Schaufenster gestellt. Man kann diese Ängste letztlich nur besiegen, wenn man sich Wissen rund um diese Thematik aneignet.  Weiterbildung ist für alle Beteiligten für die Nutzung der Chancen essenziell wichtig. Denn wenn automatisierte Prozesse funktionieren, können Zeit und Ressourcen für andere wertschöpfende Sachen genutzt werden. Der Mitarbeiter kann seinen Wert steigern, indem er das spezifische Know-how für die Prozesse hat und andere Sachen ausführen kann, die ohne diese Kenntnisse nicht durchführbar wären. Dazu muss jedoch die Bereitschaft bestehen, die digitale Schulbank zu drücken, um sich dieses Wissen anzueignen. Nur so können die Veränderungsprozesse aktiv mitgetragen werden. Lediglich passives Zusehen birgt die Gefahr, in einem Bereich angesiedelt zu sein, wo der reale Kontakt in Zukunft nicht mehr notwendig ist und eine digitale Substitution vorliegt. Deswegen rate ich allen Beteiligten, digitales Wissen aufzunehmen, weil dies der beste Schutz vor der Angst „digital ersetzt zu werden“ ist.

J. Dölle (bpc Berater): Heißt das für Sie, Arbeit 4.0 hat insbesondere damit zu tun, dass nur diejenigen arbeiten, die nur über den persönlichen Kontakt arbeiten können oder sogar müssen? Nehmen wir mal das Beispiel des kirchlichen Umfelds, da haben wir den Priester. Ich glaube der wird nicht so schnell durch eine Maschine ersetzt werden.

Prof. Dr. Kollmann: Ach sagen Sie das nicht.

J. Dölle (bpc Berater): Oder die Betreuung in der Kirche, ich habe schon einen Segensautomaten gesehen, ich weiß nicht, ob Sie den kennen.

Prof. Dr. Kollmann: Es gibt auch den digitalen Klingelbeutel. Sehen Sie, auch in diesem Bereich gibt es bereits viel Digitalisierung.

J. Dölle (bpc Berater): Aber es ist meiner Ansicht nach noch weit weg, dass eine Ausgabe der Hostien aus dem Automat oder dass die Messe mit einer digitalen Stimme gehalten wird. Insbesondere wenn man an Traugottesdienste oder Begräbnisse, wo durchaus der persönliche Kontakt gebraucht wird. Nichtsdestotrotz gibt es auch im kirchlichen Umfeld Leute die in der Verwaltung arbeiten. Denen haben Sie zuvor Weiterbildung in den Themen von Digitalisierung empfohlen. Sind es so aus Ihrer Sicht diese zwei Felder, also der tatsächliche Menschenkontakt und die Gestaltung von Prozessen, in der sich Arbeit 4.0 konzentrieren wird?

Prof. Dr. Kollmann: Ich denke, am Ende wird alles digitalisiert, was digitalisiert werden kann. Was aber nicht heißt, dass wir ausschließlich in einer digitalen Welt Zuhause sind, wie es z.B. die Matrix Filme suggerieren. Am Ende des Tages haben wir natürlich immer noch eine reale Ebene. Diese werden gleichberechtigt nebeneinander sein und man muss entscheiden, in welcher Ebene man mehr unterwegs sein möchte. Übrigens gibt es inzwischen digitale Friedhöfe. Dort kann das digitale Lebenswerk und die digitalen Spuren sozusagen ablegt werden, sodass die nachfolgende Generation das Geschaffene aufgreifen kann. Insgesamt denke ich jedoch, dass niemand –  auch keine Behörde – den realen Kontakt zu einem Bürger komplett aufgeben will. Aber wir haben viele Prozesse, die in diesem Spannungsfeld sehr gut digitalisiert werden können, sodass Routinearbeit übernommen wird. Was darüber hinaus in einer Serviceleistung, in einer persönlichen Beratung, in Spezialfällen eine Rolle spielt, da werden wir weiterhin persönlichen Kontakt haben. Aber die Digitalisierung kann im persönlichen Kontakt unterstützend mitwirken. Ein Bürger kann sich z.B. mithilfe der digitalen Daten besser auf ein Gespräch vorbereiten, sodass das Gespräch am Ende vielleicht effektiver ist. Oder die digitalen Daten können helfen, Fragen im Vorfeld zu klären und so „überflüssige“ Gespräche zu vermindern.

J. Dölle (bpc Berater): So wie Sie das schildern kann ich es mir tatsächlich gut vorstellen. Was kann der digitale Wandel dazu beisteuern, um aktuelle Probleme wie den demografischen Wandel zu lösen? Es gibt eine Vielzahl an Arbeitnehmern, die nächstes Jahr in den Ruhestand gehen werden. Gleichzeitig kommen deutlich weniger Arbeitnehmer nach, sodass viele Stellen unbesetzt bleiben. In Betrachtung von sozialwirtschaftlichen Herausforderungen wie steigende Altersbetreuungsnotwendigkeiten, was sind für Sie Chancen, die durch die neuen digitalen Möglichkeiten entstehen?

Prof. Dr. Kollmann: Oh, da gibt es ganz Viele. Betrachten wir den Gesundheitsbereich. Hier werden mit Digitalisierung Prozessoptimierungen in der Organisation von Pflege erreicht. Außerdem gibt es Sicherheitssysteme, die mit im Fußboden eingebauten Sensoren messen, ob ein alter Mensch Zuhause gefallen ist und nicht mehr aufsteht, sodass der Rettungsdienst automatisch alarmiert wird. Daneben wird mit der ganzen Sprach- und Bildsteuerung, die als Alexa Echo-Systemen und Google-Boxen auf den Markt kommen, die digitale Teilhabe der älteren Bevölkerung gesteigert. Auch der Kontakt zu einem Staat und zu Behörden kann letztlich über solche Geräte gesteuert werden kann. Außerdem muss man beachten, dass für ältere Mitarbeiter selbstverständlich auch in einem gewissen Grad junge Mitarbeiter eingestellt werden. Diese sind mit der Digitalisierung groß geworden, und wollen aufgrund dessen auch bei einer Behörde in einem digitalen Arbeitsumfeld unterwegs sein. Da müssen Behörden auch Attraktivität schaffen, sodass diese Talente überhaupt eingestellt werden können. Denn der Kampf um digitale Köpfe wird extrem schwierig werden. Das sehen wir bereits bei mir an der Hochschule. Die Personalabteilung sagte mir, dass es zunehmend schwerer sei, Menschen und die digitale Generation für den öffentlichen Sektor zu begeistern, da man noch kein digitales Arbeitsumfeld bieten könne. Und die Nachfrage danach wird zunehmend steigen.

J. Dölle (bpc Berater): Was ich zum Abschluss gerne wissen würde: Wie hat Ihnen der Tag als Informationsveranstaltung für unsere Kunden aus den Öffentlichen Sektor, die sich verstärkt digitalisieren möchten, bisher gefallen? Was nehmen Sie mit?

Prof. Dr. Kollmann: Zunächst mal finde ich derartige Veranstaltungen sehr sinnvoll und zweckmäßig dafür, dass die Leute die Möglichkeit haben sich mit dem Themenfeld auseinanderzusetzen. Während meines Vortrags konnte ich in das eine oder andere Gesicht blicken. Hier war teilweise Zustimmung nach dem Motto „Oh ja, das betrifft uns und wir sollten uns damit auseinandersetzen“ und teilweise Erleichterung „Ach, das betrifft uns nicht, da brauchen wir uns nicht mit zu befassen“ zu erkennen. Dieses Wechselbad der Gefühle war für mich als Vortragender spannend zu beobachten und zu reflektieren. Ich hoffe, dass der ein oder andere Impuls übertragen wurde. Diejenigen, die heute hier waren und sich mit dem Thema befasst haben, konnten hoffentlich etwas mitnehmen, sodass sie die Dinge auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten und etwas umsetzen können.

J. Dölle (bpc Berater): Ja, vielen Dank dafür. Ich habe selber im Plenum gesessen und ähnliche Eindrücke aufgeschnappt. Um mich herum gab es immer wieder ein Murmeln, teilweise ein Lachen oder ein „Ja, das sind doch genau wir“. Von daher fand ich die angesprochenen Themen, die Themen in Ihrem Buch und die Themen über die wir gerade noch einmal gesprochen haben sehr spannend. Ich freue mich, dass wir Sie hier als Redner hatten und bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch.

Prof. Dr. Kollmann: Sehr gerne, ich danke Ihnen auch.

No Comment